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Island-Blog: 8 Wochen am Polarkreis (Teil 3)

Ein Blick aus der heißen Quelle mitten im Nichts.

Ein Blick aus der heißen Quelle mitten im Nichts.

Reykjavik (06.09.2014, © jg) – Ich sitze gerade in der Lobby des Hostels (Downtown Hostel Reykjavik”) und versuche meine Gedanken aufzuschreiben. Heute vor exakt einem Monat ist mein Flugzeug in Keflavik gelandet und ich kann es kaum begreifen, dass die Zeit so verdammt schnell vergeht. Im Moment wünsche ich mir, der September hätte mehr Tage. Oder das Jahr einen Monat mehr. Die arbeitende Bevölkerung würde mir da vielleicht nicht zustimmen, aber ich hätte es dringend nötig. Es gibt noch so viel zu erleben, so viel zu sehen, so viele neue Dinge zum Ausprobieren… wie soll man das alles immer schaffen?

Nun, ich habe jetzt noch 24 Tage in Island übrig, die ich versuche komplett zu nutzen, soweit es das Wetter zulässt. Es ist ziemlich schnell Herbst geworden, wobei es an einigen Tagen auch puren Sonnenschein hat und ich im T-Shirt durch die Gegend springe.

Wann war eigentlich mein letzter Blogeintrag? Ist schon ’ne Weile her. Es war Hochsaison, da hatte ich nicht so viel frei wie im Moment, womit ich aber klarkomme. Nebensaison bedeutet weniger Touristen, die mir an den schönsten Orten durchs Bild laufen.

Vor einer Woche hatte ich geplant, Snæfellsnes („Sneyfellsness“ gesprochen) zu erkunden. Die Halbinsel liegt nördlich von Reykjavik, ist an klaren Tagen sogar vom höchsten Punkt, Perlon zu sehen. Am bekanntesten dürfte der Snæfellsjökull („Sneyfellsjökuttl“) sein, wobei ich leider zu spät im Jahr bin, um den richtigen Krater mit dem Abstieg zum Mittelpunkt der Erde zu finden. Leider spielte das Wetter nicht so ganz mit, als ich mit meinem Pappschild an der Route 1 stand und den Daumen raushielt. Es regnete, der Nebel verdeckte jegliche Sicht auf die Berge und Autofahrer waren auf der Halbinsel eher rar. Ich schaffte es nicht einmal bis zum Gletscher, sondern schlug auf halbem Weg mein Nachtlager auf. Ich mag Zelten, ja. Ich mag auch Zelten am Strand. Ist nicht übel. Aber auch ich habe eine Schmerzgrenze. Und wenn es die ganze Nacht regnet und man sich alles abfriert, sobald man den Schlafsack verlässt, dann macht es nicht mehr so viel Spaß. Der Ozean war ziemlich rau, die ganze Nacht donnerten die Wellen zwanzig Meter von mir auf den Strand und hielten mich relativ wach.

Da stand ich also am nächsten Tag wieder an der Straße, im strömenden Regen und wollte nur noch zurück nach Hause, nach Reykjavík. Der blöde Berg kann mir ja sowas von den Buckel runterrutschen. Nichts von dem geplanten hatte ich gesehen. Keinen Gletscher, keine Robben, keine Jules-Verne-Statue. Außerdem fuhren fast keine Autos auf der Straße, wohl wegen dem schlechten Wetter. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein begossener Pudel, als mich die belgisch-irische Familie gegen 10 Uhr von der Straße auflas. Ich war flutschnass, die Regenplane meines Rucksacks ertränkte den sechsjährigen Sohn neben mir fast. In einem Moment geistiger Umnachtung hatte ich am Vortag beschlossen, dass man auch in Jeans campen kann. Ich sage euch eines: Macht es nicht. Die Dinger werden einfach nicht trocken. Der Tag hatte beschissen begonnen und ich erwartete nichts mehr. Was dann kam veränderte quasi meine Weltsicht. Der Glaube an die Menschheit ist wieder hergestellt. Der Glaube an die Fairness des Universums auch. Denn die Familie nahm mich auf ihren Tagestrip zu einsamen heißen Quellen („Landbrotalaug“ war die schönste!), einer Ziegenfarm und Wasserfällen mit und ich bastelte mit dem Sohn auf der Rückbank an einem Lego StarWars Angriffsshuttle (was extrem cool aussieht. Ich beneide ihn immer noch darum). Ich hatte einen so tollen Tag, dass ich den Morgen und die Nacht davor vergessen konnte und kam am Abend dann erschöpft aber glücklich wieder ins Hostel zurück.

Dann hatte ich ein paar Tage zu arbeiten – ich werde immer schneller, was das Bettenbeziehen angeht! Mit ein paar anderen habe ich meine erste Aurora Borealis vom Hafen in Reykjavík angesehen (oder vielleicht auch nur eingebildet, sie war sehr sehr schwach). Vorgestern (Donnerstag) und Gestern hatte ich frei und dachte mir in etwa sowas: „Ich habe heute richtig Lust, mich auf 33 km völlig auszupowern und danach dann zu zelten. Das wird super!“

Die Asche gehört zum Krater des Eyjajallajökull. Ich konnte mich nur schwer dazu zwingen, alle Steine da zu lassen. Ein paar werde ich mit nach Hause nehmen. Die glitzern so schön!!!

Die Asche gehört zum Krater des Eyjajallajökull. Ich konnte mich nur schwer dazu zwingen, alle Steine da zu lassen. Ein paar werde ich mit nach Hause nehmen. Die glitzern so schön!!!

Fimmvörðuháls war also der Plan. Ich buchte ein Busticket nach Þórsmörk („Thorsmöark“), packte meinen Rucksack und los ging es! Ich hatte weder ein GPS Gerät oder eine Karte oder wenigstens einen Guide. Abenteuer pur also, weil vergesslich. Im Bus traf ich dann auf einen Australier aus Melbourne und er war auch mein Hiking-Buddy/Mitleidender auf der Wanderung. Anfangs dachte ich, ich könnte die Strecke auf zwei Tage aufteilen, aber da wir uns so gut unterhielten und uns so gegenseitig von schmerzenden Füßen und Muskeln und großer Anstrengung ablenkten, zogen wir das ganze Ding in acht Stunden durch. Der Aufstieg war sehr steil, an sattgrünen Berghängen und über Steinebenen zum Eyjafjallajölull („Eijafjattlajökuttl“) und den Gletscher hinab zum Skógafoss, den Wasserfall an der Südküste.

Vom Grat des Eyjajallajökull nach unten fotografiert. Das war vor einem fast senkrechten Aufstieg von 804m auf 925m

Vom Grat des Eyjajallajökull nach unten fotografiert. Das war vor einem fast senkrechten Aufstieg von 804m auf 925m

Die Anstrengungen wurden durchgehend belohnt, wir hatten gutes Wetter und gute Sicht auf Myrdalsjökull, den benachbarten Gletscher. Die Wanderung ist einfach gigantisch. In acht Stunden ist man einmal quer durch die Landschaft Islands gezogen. Gletschereis auf über 1000 Meter, direkt daneben die Ausbruchsstelle des Vulkans, wo der Boden immer noch raucht. Dann durch Aschewüsten (da war dann auch unser Wasser leer. Ich kann die Gletscherbäche an dieser Stelle leider nicht empfehlen. Sehr mineralhaltig, könnte man sagen. Ich hatte mehr Steinchen als Wasser im Mund) und über tausend Jahre altes Eis. Am Ende entlang Skógá, dem Fluss über sanfte Hügel, die sich allerdings mit Blasen an den Füßen und krampfenden Waden vom Flüssigkeitsentzug nicht mehr so sanft anfühlen. Wasser hat noch nie so gut geschmeckt wie an dem Bach, an dem wir schließlich unsere Trinkschläuche auffüllen konnten. Wir erreichten Skógafoss ziemlich fertig aber auch ziemlich glücklich gegen 21:30 Uhr, bei Dunkelheit und aufgehendem Mond, was alles ein wenig gespenstisch und magisch wirken ließ. Als Dank für meine Begleitung und Orientierung (der Australier wäre ziemlich oft falsch gelaufen, wenn ich nicht gesagt hätte, dass der Wasserfall in der anderen Richtung liegt) erhielt ich ein Bett im Hostel. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die Nacht im Zelt überlebt hätte, denn selbst im weichen Bett hat es eine Weile gedauert, bis ich eine geeignete Position fand, in der ich meine blauen Flecken und Blasen nicht spürte. Nachdem wir uns dann gegenseitig immer wieder wachrütteln mussten, rissen wir uns ein wenig zusammen und gingen nach draußen. Da Skogar im Nirgendwo liegt und der Himmel klar war, konnte man trotz der Lichter von der Jugendherberge die Milchstraße erkennen. Außerdem sind, so ganz nebenbei, ziemlich starke Nordlichter über dem Wasserfall erschienen. Eigentlich erwartet man irgendetwas dazu, Musik, Geräusche, irgendwas. Aber es ist einfach nur still und es sieht aus, als ob jemand grüne Neonfarbe in die Atmosphäre tropfen lässt.

Ohne meinen australischen Kumpel hätte ich mich auf halbem Weg hingesetzt und mich geweigert weiterzugehen. Außerdem habe ich jetzt eine Einladung nach Melbourne und einen versprochenen Tagesausflug zu den 12 Aposteln an der Südküste Australiens. Sehr cool, oder?

Am nächsten Morgen hatte die Luft angenehme 19°C und ich lief im T-Shirt in Richtung Ringstraße. Besser gesagt humpelte, weil… 33km rächen sich am Tag darauf. Der Bus würde bis 4 Uhr Nachmittags nicht kommen, also warum nicht versuchen, noch weiter südlich zu kommen? Es war so ein schöner Tag, es wäre eine Schande, den im Reykjavik im Zimmer damit zu verbringen, Blasenpflaster zentimetergenau aufzukleben. Also, Daumen raus, Rucksack verstecken, damit er nicht so groß aussieht und auf freundliche Fahrer hoffen. Tatsächlich hielten einen Sonnenbrand später zwei Isländer für mich an, die auf dem Weg nach Osten waren und brachten mich die gesamte Strecke nach Jökulsárlon.

Die Gletscherlagune mit blau schimmernden Eisbergen

Die Gletscherlagune mit blau schimmernden Eisbergen

Gletscher sind ja mittlerweile ziemlich normal für mich (Nicht. Ich habe am Eyjafjallajökull die ganze Zeit das Eis anfassen müssen, weil ich es nicht glauben konnte), aber Jökulsárlon bringt das ganze auf ein höheres Level. Ein riesiger See, in den der große Vatnajökull kalbt (oder abkalbt? So oder so, eine sehr komische Vorstellung. Kalben.) und dessen Eisberge in Richtung Meer treiben. Ich habe ein paar Fotos gemacht, mittlerweile war es wieder ein wenig kühler. 12°C und ein T-Shirt nicht mehr so angenehm. Nachdem ich dann auch ein paar Robben gesehen hatte, konnte ich mich wieder zufrieden an die Straße stellen. Den Bus hatte ich verpasst, also blieb mir nichts anderes übrig, als per Anhalter wieder zurück nach Reykjavik zu fahren. Das sind etwa vier Stunden über Geröllfelder, wilde Flüsse, an Gletschern und schwarzen Stränden entlang. Um 20 Uhr, 5 Autos später, erreichte ich mein Hostel schließlich und konnte endlich meine Dusche nehmen, der ich die ganze Fahrt entgegengefiebert hatte. Denn nach zwei Tagen laufen in fast denselben Klamotten fühlt man sich schon ein wenig sehr ekelhaft.

Meine neue Bekanntschaft, ein sehr neugieriges Islandpony, als ich auf das nächste Auto gewartet habe, das mich mitnimmt.

Meine neue Bekanntschaft, ein sehr neugieriges Islandpony, als ich auf das nächste Auto gewartet habe, das mich mitnimmt.

Ich habe jetzt nach ein bisschen Teetrinken und ausruhen auch meine vollständige Beweglichkeit und Funktionsfähigkeit wiedererlangt, bereit, nächste Woche mit Islandpferden auf einen Ausritt zu gehen. Und versuchen nicht zu viel Pferd zu berühren, während ich gleichzeitig noch Sauerstoff aufnehmen kann und nicht mit tränenden Augen und laufender Nase durch die Landschaft zuckel. Das wird super!

Bless, bless!

© Text & Fotos: Jacqueline Goede

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