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Reisebericht: Füße hochlegen im Bergland von Portugal

Bergland von Portugal. FOTO: GOEDE
Portugal dort entdecken, wo es (noch) mehr Einheimische als Touristen gibt…

PEDROGAO GRANDE (16.04.2022) – Die Algarve, Lissabon und Porto kennt jeder, sei es wegen Wandern, Stadtbummeln und/oder (Port)Wein. Aber schon mal an die weniger bekannten Regionen gedacht? So mitten drin? Im Bergland von Portugal, das sich durchaus auf über 1000 Meter erheben kann? Gefühlt weitab der (digitalen) Zivilisation und unliebsamen posenden Instagram-Influencern?

Wer mit dem Auto anreist und nicht über die Flughäfen in Lissabon und Porto „einschwebt“, erreicht Portugal für gewöhnlich über die Autobahn von Salamanca kommend. Mit der Bahn ist es sicherlich auch möglich – aber sehr wahrscheinlich noch mehr Abenteuer als Flieger oder Auto…

Guarda - die erste größere Stadt nach der Grenze zwischen Spanien und Portugal. FOTO: GOEDE
Guarda – die erste größere Stadt nach der Grenze zwischen Spanien und Portugal

Einfallstor per Auto ist jedenfalls die alte Handelsmetropole Guarda. Auch heute noch ist diese Stadt mitten im höheren portugiesischen Bergland – auf über 1000 Meter gelegen – ein Hauptumschlagplatz von Waren, die in die EU verteilt werden. Das Städtchen selber gibt sich vom LKW-Verkehr rund um die Gewerbegebiete doch recht beschaulich. Enge Gassen, geduckte alte Häuser, an der Ortskirche im Zentrum am höchstgelegenen Punkt des Städtchens sind die Wasserspeier eindrucksvolle steinerne Gesichter – nur einer nicht: ein steinerner nackter Arsch. „Der zeigt nach Spanien!“, spricht einem eine Portugiesin beim Blick auf das Kunstwerk unaufgefordert an. Guarda: Was aus der Ferne am Hang so beeindruckend aussieht, entpuppt sich beim Stadtrundgang jedoch als recht leere Stadt: Portugal kämpft landesweit vor allem auf dem Land mit der schleichenden Abwanderung von meist jungen Menschen – und parallel dazu mit einer sehr niedrigen Geburtenrate. Dabei sind die Autobahnen im Land modern und in einem sehr guten Zustand (was man von Deutschland nicht behaupten kann). Corona hat in diesem Land bekanntlich schwer gewütet – in 2022 merkt man, dass man in diesem Land über den Berg ist. Die Impfquote ist ungewöhnlich hoch, doch trägt man auch im April in Innenräumen und auf Märkten noch Maske mit einer Selbstverständlichkeit, die in anderen Ländern so nicht erkennbar ist.

2017 verheerende Waldbrände

beeindruckende Leistung der Straßenbauer in Portugal - Brücken, Straßen und Tunnel sind in einem (sehr) guten Zustand! FOTO: GOEDE
beeindruckende Leistung der Straßenbauer in Portugal – Brücken, Straßen und Tunnel sind in einem (sehr) guten Zustand!

Schnell ist man aber hinter Guarda wieder in das dünn besiedelte Bergland eingetaucht, die Autobahn schlängelt sich langsam bergab durch Täler und Bergzüge mit Brücken und Tunnels. In einem April, wenn frische Polarluft auch mal das sonst so warme Portugal erreicht, wird das Entgegenstreben Richtung Westen und dem Atlantik zumindest am Autothermometer sichtbar: von 4 Grad zur Mittagszeit in Guarda auf immerhin 8 Grad bis auf die rund 500 Meter niedriger Liegende Region von Pedrogao Grande – einer Kleinstadt am Stausee „Barragem do Cabril“, das Herz von Portugal. Von hier aus ist man entfernungstechnisch so weit vom Atlantik weg wie von Spanien, als auch vom nördlichsten wie vom südlichsten Punkt Portugals.

Spuren der Waldbrände aus 2017 in der Region Pedrogao Grande. FOTO: GOEDE
Spuren der Waldbrände aus 2017 in der Region Pedrogao Grande

Im Juni 2017 war die Region das Zentrum der schwersten Waldbrände des Landes, bei denen mehr als 60 Menschen starben. Davon ist fünf Jahre später vergleichsweise nur noch wenig zu sehen, z.B. stehen noch vielerorts verkohlte Baumstämme in diesem bewaldeten Bergland. Rasant wächst das wieder nach, was die Katastrophe damals mit verursacht hat: Eukalyptusplantagen. Eine Baumart, die extrem schnell wächst, dabei anderes Leben unter sich am Erdboden erstickt – und Dank der Öle in Blättern und Holz aber auch extrem „brandgefährlich“ ist. Man mag meinen, dass die Menschen hier wenig dazu gelernt hätten. Doch neben den großen Plantagen zeugen auch Mischwälder und frisch angelegte Felder mit Obstbäumen wie Kastanien von den Bemühungen, 2017 nicht noch einmal vorkommen zu lassen. Es sind nur kleine Schritte, aber es geht voran.

Begehrte Urlaubsregion in dünn besiedelter Landschaft

absolut dünn besiedelt - das Bergland von Portugal. FOTO: GOEDE
absolut dünn besiedelt – das Bergland von Portugal

Die Region Pedrogao ist sehr dünn besiedelt, gerade mal 30 Menschen kommen hier auf den Quadratkilometer (der Landesschnitt liegt bei 113 Menschen je qkm). Dass dies früher anders gewesen ist, zeugen die nicht zählbaren verlassenen Häuser und Ruinen entlang der Straßen, die es zu Hauf auch in den entlegensten Tälern gibt. Dazwischen aber auch die renovierten Wochenendhäuser (für gewöhnlich) wohlhabenderer Portugiesen, dazu die Ferienhauspaläste von EU-Bürgern – und Grundstücke von Aussteigern aus aller Herren Länder, die mühsam solch alte in sich zerfallene Häuser wieder aufbauen. In harter Handarbeit – denn Handwerker sind in diesem Land rar – wie auch die Baustoffe. Gutes Bauholz muss aus Nordeuropa importiert werden, da sich Eukalyptus in der Regel nur als Papierholz eignet – die Steineichen und Kiefern bzw. Pinien zu wenig sind.

Korkeichen sind die kulturelle Gold-Währung in Portugal. FOTO: GOEDE
Korkeichen sind die kulturelle Gold-Währung in Portugal

„Finger weg“ gilt zudem bei den Korkeichen – deren Rinde wird wie Gold behandelt, da sie für Korken von Weinen und anderen hochprozentigen Alkoholika weltweit gebraucht werden, aber z.B. auch für Fußböden und Dämmmaterial. Korkeichen werden nur ca. alle 9 bis 12 Jahre (je nach Witterungsbedingungen und Zustand der Rinde) „geerntet“. Offiziell geerntete Bäume tragen nach der Schälung das Jahr und das Zeichen des Ernters. Die Bäume, die nachweislich ebenso „entkorkt“ wurden, die Signierung wie Jahr aber nicht aufweisen, wurden illegal geerntet bzw. der Besitzer schlicht in einem unbeobachteten Moment „beklaut“. 2018 war die Korkeiche übrigens der „Baum des Jahres“. In Portugal ist sie zudem Teil der nationalen Kulturidentität.

der Stausee „Barragem do Cabril“. FOTO: GOEDE
der Stausee „Barragem do Cabril“

Im Baumarkt sind ironischer Weise die Dinge, die man hier als Außenstehender für besonders notwendig erachtet, nicht bekannt – oder man kennt sie zumindest vom Sinnbild her, weiss aber nicht, wo man sie erhält: Z.B. ein simpler Gartenregenmesser, um zu sehen, wieviel der letzte spärliche Regenguss gebracht hat. Oder auch  ein Feuerlöscher, egal wie klein oder groß. Der Blick in den fast leeren Stausee „Barragem do Cabril“ noch weit vor Beginn des Sommers lässt erahnen, wie essentiell solche Dinge sein sollten – oder sind die Portugiesen hier doch mehr gottergeben nach dem Motto „ändern kann ich eine Dürre wie Brand eh nicht“?

Wer übrigens meint, in diesem Land Schnäppchen machen zu können, was Ferienhäuser bzw. das Baumaterial für Hausbau & Sanierung angeht, muss sich vor Ort eines besseren belehren lassen: Portugal ist kein großer Markt. Vieles ist daher nicht vorrätig & muss bestellt werden, oder ist teuer zu bezahlen.

Ausgedehntes Netz von Wanderwegen

die meisten Wanderwege sind mit normalen Wanderschuhen begehbar. FOTO: GOEDE
die meisten Wanderwege sind mit normalen Wanderschuhen begehbar

Und so eignet sich die Region für den Portugalurlauber vor allem in der Übergangsjahreszeit hervorragend für ausgedehnte Wandertouren. Gut markierte Wanderwege durchziehen Täler und Berge, überqueren Pässe und Berggrate (die – oh Wunder – mit nicht zählbaren Massen an Windrädern bebaut sind … und keinen stört es!). Es gurgeln die Bäche, versteckte Wasserfälle entdeckte man beim durchschreiten der Talsohle. Der Mobilfunkempfang ist vom Display noch mehr verschwunden als im „good old Germany“. Die Ruhe ist einzigartig. Zeit zum Abschalten, im wahrsten Sinne des Wortes – und sei es nur der Abendspazierung rund um die Unterkunft im sanften Abendlicht der Sonne, kurz bevor die Zikaden mit ihrem eindringlichen, aber beruhigenden Abendkonzert beginnen.

Quirllige Universitätsstadt Coimbra

Universitätsstadt Coimbra. FOTO: GOEDE
Universitätsstadt Coimbra

Wer vom Bergland und Dorfwelt genug hat: Die größte Stadt der Region ist übrigens die Universitätsstadt Coimbra. Hier wuselt vergleichsweise das Leben – rund um die Universität oben auf dem zentralen Hügel auf der Südseite der Altstadt. Die mehr als 20.000 Studenten, deren Lehrsäle sich vor allem in den nationalsozialistischen Protzbauten aus der portugiesischen Diktatur der 1940er Jahre befinden, studieren an der ältesten Universität des Landes: Sie wurde bereits im Jahr 1290 n.Chr. gegründet. Sehenswert ist vor allem hier der große Innenhof mit dem alten Glocken- und Uhrturm mit dem angegliederten Königspalast und der historischen Bibliothek der Universität (sie umfasst mehr als 300.000 kostbarste Werke).

Universitätsstadt Coimbra
Universitätsstadt Coimbra

In der Altstadt selber entdeckt man an ein paar optisch mehr an Ruinen erinnernden Häusern revolutionäre Sprüche und Fahnen mit Hang zum Hausbesetzertum, daneben renovierte Häuser mit Tourismussymbolen für Ferienwohnungen oder AirBNB – wenige Wohnhäuser, auch ein paar Restaurants und Bars, aber vor allem extrem viel Leerstand. Für eine Universitätsstadt doch sehr ungewöhnlich.

Templerstadt Tomar

Templerstadt Tomar. FOTO: GOEDE
Templerstadt Tomar

Ebenso sehenswert – oder eigentlich viel sehenswerter als Coimbra ist die historische Stadt Tomar – etwas weiter südlich gelegen. Hier treffen sich Judentum, Mauren und christliches Mittelalter (Templerorden). Weltbekannt ist der Ort letztlich durch das zum UNESCO Weltkulturerbe gehörende „Convento de Christo“ (das Christuskloster) im Herzen der alten Templer- bzw. Klosterburg über der Altstadt. Der Einfluss der Templer ist übrigens fast überall in der Stadt zu sehen – man „trampelt“ regelrecht drauf rum: Die Gehwege sind gepflastert mit dem Templersymbol.

das Aquaeduct für das "Convento de Christo. FOTO: GOEDE
das Aquaeduct für das “Convento de Christo

Die Römer waren übrigens nicht in Tomar – auch wenn das Aquädukt im Nordwesten der Stadt diese Vermutung nahe legt. Das rund sechs Kilometer lange und bis zu 30 Meter hohe Bauwerk wurde Ende des 16. Jahrhunderts unter König Philip I von Portugal begonnen und 1614 nach 21 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Es diente der Wasserversorgung – aber nicht für die Menschen in der mittelalterlichen Stadt, sondern eigens zur Versorgung des „Convento de Christo“. Sag nochmal einer, die Kirche wären nicht sehr eigen gewesen! 

Liebenswertes Pedrogao Grande

im Zentrum von Pedrogap Grande. Foto: GOEDE
im Zentrum von Pedrogap Grande

Klein und beschaulich ist das der besuchten Region den Namen gebende „Pedrogao Grande“. Es wird derzeit mit viel Geld saniert – und der Ortskern ist im Gegensatz zu anderen Ruinen-Orten sehenswert und gepflegt. Auch hat es hier einen kleinen (noch) florierenden Einzelhandel – u.a. mit einem hervorragenden Bäcker. Ein Stück Kuchen für 1 Euro gefällig? Oder gar eine handgefertigte Jeans „made in Portugal“ für gerade mal 42,90 Euro? Dann mal durch die schmalen Gassen treiben lassen – und bei Leonor Coelho im “A loja“ (siehe auch www.casadesantoantao.pt/loja) durch die regionalen Produkte schlemmen und shoppen! Und wer lange genug durch die Gassen sich bewegt, landet über kurz oder lang… man glaubt es kaum: in einem Unverpackt-Laden!

die Taberna do Ferrador - bevor der abendliche Ansturm der Gäste beginnt! Foto GOEDE
die Taberna do Ferrador – bevor der abendliche Ansturm der Gäste beginnt!

Nach einem sonnigen Tag mit der ersten Abendkühle kann man sehr gut in der Taberna do Ferrador im Stadtzentrum nahe am Stadtpark sein Abendessen genießen – mit einer Komposition regionaler portugiesischer Köstlichkeiten gepaart mit iberischer Küchenkunst und eine sehr großen Auswahl an portugisischen Weinen. Der klassische Hauswein selber ist aber eigentlich schon mehr als mundend und eine Gaumenfreude für sich! Und ganz wichtig: Eine Reservierung (abends ab 19 Uhr) ist zwingend notwendig, Einheimische wie Touristen wissen wohl die Küchenkunst im Ferrador hier sehr zu schätzen! Schon ab 19.30 Uhr ist in unserem Falle jeder Tisch besetzt gewesen, ab 20 Uhr auch die Außenterrasse auf der Straße…

es geht doch nichts über die weltweit gültige Devise "es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung"... Foto: GOEDE
es geht doch nichts über die weltweit gültige Devise “es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung”…

Fakt ist: die Region hat mehr zu bieten, als der Blick in den Atlas (oder Google Maps) gewährt. Wie weit die Technik in der Region zudem noch von der Realität weg ist, zeigt z.B. ein Blick vor Ort auf den Regenradar namhafter europäischer Wetterdienst-Apps. Während draußen das Schlechtwetter tobt, zeigt der Radar bzw. die Auswertung der Daten nur graue Wolken und „kein Niederschlag“ an. Egal – die Einheimischen freuen sich über den Regen, der immer und überall willkommen ist. Nur nicht über die April-Kälte in diesem gefühlten „portugiesischem Sibirien“; die muss nicht sein so kurz vor dem Durchstarten des Sommers. Aber man braucht ja noch Ziele im Leben für die nächste Tour in diese Region. Denn was Regenwetter diesmal verhindert (hat), kann ja beim nächsten mal (bei hoffentlich anhaltend besserem Wetter) nachgeholt werden.

Übrigens: Ausgangspunkt für unsere Recherchen war das  B&B “The Cottage near the lake” nahe Pedrógão Grande.

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© Text Hans-Martin Goede 16.04.2022, Fotos © April 2022 – gerne erfragen Sie weiteres hochauflösendes Bildmaterial aus unserer umfangreichen Datenbank, wir lizensieren Ihnen gerne gewünschte Motive.